Fräuleinkarte

EIN STÜCK FÜR MINDESTENS EINE SCHAUSPIELERIN UND EINEN DEUTSCHEN SCHÄFERHUND

FB

Cornelia Schirmer in der Uraufführung am Thalia Theater Hamburg 1996

Versteckt vor den Augen der Öffentlichkeit führt Eva Braun ein ereignisloses Leben auf dem Berghof im Obersalzkammergut und vertreibt sich die Zeit mit Hitlers schöner Schäferhündin. In zwanzig stilistisch völlig unterschiedlichen Szenen spielt sie alle Rollen durch, die der deutsche Faschismus den Frauen angeboten hat und die im Kriegsverlauf dramatisch ändern – Repräsentationsobjekt, Gebärmaschine, Soldatenbraut, Krankenschwester bis hin zum Todesengel mit der Zyankalikapsel in der Handtasche.

Zur Figur der Eva Braun gesellt sich in wundervollen, völlig unrealisierbaren Regieanweisungen ein deutscher Schäferhund, der auch gerne beim Theater wäre: eine aberwitzige Crux in einem sonst fast schon unverschämt spielbereiten Text. Ein Monolog mit Witz und sprachlicher Treffsicherheit; ein Paradestück des politischen Theaters der Neunziger.

AUSZUG AUS DER SECHSTEN SZENE
»…hoppelmoppel hoppelmoppel und immer wieder hoppelmoppel weil das hat er so laut geschrien mit einer ganz hohen Stimme eigentlich wie in Nürnberg bei der Abschlussred also das nächste Mal will ich da auch oben auf der Ehrentribüne sitzen und nicht in der Masse wo man so eng gedrückt wird so viele Armen und Ohren und Hände Köpfe Fahnen Augen Lichter Münder aber totenstill wars wie er zu reden angefangen hat da vorn ganz leis und zögerlich da hab ich erst gedacht gleich sagt er Eva Eva ich führ dich heim so was aber auch manchmal muss ich mich direkt zusammenreißen dass ich es nicht herausschrei wem ich angehör wenn denn dieser ungeheure Jubel losgeht und ich steh zwischen diesen wie viel sind das wohl also hundertausend ganz bestimmt und ich jauchz und heul und brüll mir die Seele aus dem Leib da denk ich dass man es schon von weitem sehn kann ja dass mir das in das Gesicht geschrieben steht ich ich bin das Tschapperl von dem Führer nur wenn ich mich dann so umguck ob man mich erkennt dann seh ich das wie ich mich fühl auf allen Frauengesichtern.«

Postkarte Volkstheater Wien

In den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts ließ das Wiener Volkstheater für einen möglichen hohen Besuch einen eigenen holzgetäfelten Raum bauen – das Führerzimmer. Hitler hat das Theater nie besucht. Erst 2006 ließ der neue Intendant den Raum abreißen. Ein Aufschrei ging durch Österreich! Das Führerzimmer musste wieder originaltgetreu aufgebaut werden. Zur Eröffnung spielte das Theater »Fräulein Braun«.

https://www.youtube.com/watch?v=zEyFR3Genx8

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Ein Monodrama ist ein Stück, das mit nur einer Person auf der Bühne auskommt. Im Gegensatz zu seinem Stiefbruder, dem Monolog, kann das Monodrama für sich alleine stehen und, anders als sein kleiner Bruder, das Minidrama, sogar abendfüllend sein. In Buchform liest es sich (fast) wie Prosa. Das Genre kann die vielfältigsten Formen annehmen. Karlheinz Braun hat ein breites Spektrum zusammengestellt, spannend zu lesen, größtenteils unveröffentlicht – und für Schauspielerinnen und Schauspieler ein reiches Rollenfutter: Da gibt es Virtuosennummern für Komödianten, Märchen für sich in mehrere Rollen verwandelnde Multidarsteller, irrwitzige Sprachspiele und dramatische Biografien, Liebesspiele und Lebensbeichten, politisches Theater, Psychogramme von Menschen in Extremsituationen – bis hin zum Meta-Theater, das die Bühnensituation reflektiert und den Dialog mit dem Publikum sucht.


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