INTERVIEWS MIT MIR SELBST (I-V)

EINS

»Warum treten in Ihren Geschichten immer Tiere auf, Herr Hub?« 

»Schade, dass Sie mir diese Frage stellen. Sie hätten lieber fragen sollen, was ich mache, wenn ich mit einer Geschichte nicht mehr weiterkomme.« 

»Was machen Sie, wenn Sie mit einer Geschichte nicht mehr weiterkommen?«

»Dann erzähle ich allen Leuten von der Story, an der ich gerade arbeite, und da sehe ich schnell, wo’s hakt oder langweilig wird. Es gibt natürlich auch ein paar Tricks. Ich denke mir verschiedene Figuren aus, die sich unter keinen Umständen begegnen dürfen – und lasse sie sich so schnell wie möglich begegnen. Dann muss ich einfach nur zuschauen, was passiert. Oder ich überlege mir, wovor die Figuren am allermeisten Angst haben, und genau dieser Situation setze ich sie ohne zu Zögern aus. Aber vieles ist auch Zufall oder Glück, und ich weiß hinterher nie, wie ich darauf gekommen bin. Übrigens treten in mehr als der Hälfte meiner Theaterstücke für Kinder überhaupt keine Tiere auf, und in meinen Texten für den Abendspielplan sowieso nicht, und allmählich kann ich diese immer gleichen …«

»Danke, das genügt.«

INTERVIEWS MIT MIR SELBST (I)

* * *

ZWEI

»Warum treten in Ihren Geschichten immer Tiere auf, Herr Hub?«

»Schade, dass Sie mich ausgerechnet danach fragen. Sie hätten mir lieber die Frage stellen sollen, warum meine Geschichten immer so umwerfend komisch sind.«

»Warum sind Ihre Geschichten immer so umwerfend komisch?«

»Höre ich in Ihrer Frage eine leichte Spur von Verachtung? Das ist wieder mal typisch deutsch. Die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Unterhaltung gibt es in keinem anderen Land der Welt, diese merkwürdige Neigung, das Ernste höher einzuschätzen als das Vergnügliche.«

»Naja, aber …«

»Unterbrechen Sie mich doch nicht pausenlos! Dabei steckt in jeder Komödie eine Tragödie und umgekehrt. Es muss irgendwie an einen Punkt kommen, wo Witz zu Ernst wird und alles Ernste ein Witz. Der magische Punkt, an dem jede Idee und ihr Gegenteil gleichermaßen wahr ist.«

»Stammt diese Formulierung von Ihnen selbst oder haben Sie die irgendwo aufgeschnappt?«

»Übrigens treten in mehr als der Hälfte all meiner Theaterstücke für Kinder überhaupt keine Tiere auf, und in meinen Texten für den Abendspielplan sowieso nicht, und allmählich kann ich diese immer gleichen …«

»Danke, das genügt.«

INTERVIEWS MIT MIR SELBST (II)

* * *

DREI

»Warum treten in Ihren Geschichten immer Tiere auf, Herr Hub?«

»Schade, dass Sie mich das fragen. Sie hätten mir lieber die Frage stellen sollen, was meine Gefühle beim Schreiben sind.«

»Was sind Ihre Gefühle beim Schreiben?«

»Ulkig, dass Sie mich das fragen, Genau dieselbe Frage hat mich erst neulich ein Mädchen nach einer Schullesung gefragt. Gespräche mit Kindern sind überhaupt das Beste beim Schreiben für Kinder, und außerdem dauert eine Lesung nie länger als eine Schulstunde, länger kann ich mich sowieso nicht konzentrieren, weil ich habe nämlich dieses Aufmerksamkeitsdefizitdingsbums, darum sind soziale Medien für mich geradezu ideal, kennen Sie eigentlich schon meinen Instagram-Account, ich verbringe immer mehr Zeit damit …«

»Das ist mir auch schon aufgefallen.«

»Wie war nochmal die Frage?«

»Was sind Ihre Gefühle beim Schreiben?«

»So schnell wie möglich fertig zu werden.«

INTERVIEWS MIT MIR SELBST (III)

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VIER

»Warum treten in Ihren Geschichten immer Tiere auf, Herr Hub?«

»Schade, dass Sie mich das fragen. Sie hätten mir lieber die Frage stellen sollen, wieso meine Kinderbücher so philosophisch sind. Gerade in meinem neuen Buch Lahme Ente, blindes –«

»Philosophisch? Hihi. Das Wort passt überhaupt nicht zu Ihnen.«

»Ehrlich gesagt sehe ich das ein bisschen anders.«

»Machen Sie mal eine Blitzumfrage in Ihrem Freundeskreis zum Thema Hub. Da fallen alle möglichen Bezeichnungen, aber „philosophisch“ habe ich noch nie gehört.«

»Was erzählt man sich denn so über mich?«

»Erst gestern hat jemand gesagt, Sie würden lieber einen Freund verlieren als sich eine Pointe verkneifen.«

»Was?! Wer hat das gesagt?!«

»Übrigens eine nicht uninteressante Einschätzung über einen Autor, der in seinen Kinderbüchern der Freundschaft einen so hohen Stellenwert einräumt.«

»Das Interview ist hiermit beendet.«

»Außerdem sagen alle, Sie wären ganz schnell eingeschnappt. Genauso wie das blinde Huhn. Sind Sie noch da? Hallo?!«

INTERVIEWS MIT MIR SELBST (IV)

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FÜNF

»Warum treten in ihren Geschichten immer Tiere auf, Herr Hub? Auch in Ihrem neuen Buch geht es um ein blindes Huhn und eine lahme Ente. «

»Schade, dass Sie mich das fragen. Sie hätten mir lieber die Frage stellen sollen, woher ich die Inspiration für meine Kinderbücher nehme.«

»Inspiration ist etwas für Amateure. Warum setzen Sie sich nicht einfach morgens an den Schreibtisch und legen los?«

»Das habe ich doch die ganze Zeit versucht. Einhalb Jahre haben mich meine Figuren begleitet. Rund um die Uhr, aber – «

»Eineinhalb Jahre haben Sie für so ein kleines Büchlein gebraucht? In dieser Zeit schreiben andere ganze Romane. Sogar richtig dicke.«

»Nur einmal am Tag, nämlich genau um zehn Uhr morgens, wenn ich mich an den Schreibtisch gesetzt habe, waren das Huhn und die Ente völlig verschwunden. Wie Schulkinder, die nicht zum Unterricht kommen.«

»Vielleicht hat es damit zu tun, dass Sie ganze Nächte lang in Berliner Techno-Clubs unterwegs waren. Streiten Sie es nicht ab, das habe ich genau beobachtet. Wie Sie getanzt haben zu diesem eintönigen Bu-dumm, bu-dumm, bu-dumm –«

»Ich diskutiere mit Ihnen doch nicht mein Freizeitverhalten. Außerdem habe ich selbst auf dem Technofloor über das Huhn und die Ente nachgedacht – «

»Das erklärt so einiges. Besonders die Episode, als das Huhn und die Ente in absoluter Dunkelheit nur ein einziges Geräuch vernehmen. Bu-dumm, bu-dumm, bu-dumm –«

»Wollen Sie mir etwa unterstellen, dass ich meine Inspiration in Techno-Clubs finde?«

»Das haben Sie jetzt gesagt, nicht ich.«

INTERVIEWS MIT MIR SELBST (V)